Ratschläge für ein gesundes Leben gibt es reichlich. Warum sie trotzdem nur die halbe Miete sind – und was uns wirklich verändert.
Ratschläge und Tipps für ein gesundes, gelingendes Leben sind wertvoll. Aber sie sind nur die halbe Miete.
Denn ein Ratschlag spricht zunächst vor allem den Verstand an. Er richtet sich an unsere vernunftbegabte Großhirnrinde – an den Teil von uns, der zustimmt, notiert, sich etwas vornimmt.
Doch so funktionieren wir Menschen einfach nicht. Fast jeder weiß, was ihm guttäte. Und fast jeder kennt den Abstand zwischen diesem Wissen und dem eigenen Alltag. Der Abstand ist kein Charakterfehler. Er ist ein Hinweis darauf, dass Einsicht allein an der falschen Stelle ansetzt.
Wirkliche Entscheidungen, tiefgreifende Einsichten und nachhaltige Verhaltensänderungen entstehen vor allem aus unseren Erfahrungen. Aus praktisch unserem gesamten Lebenserfahrungsschatz – erworben mit Körper, Seele und Geist.
Das prägt unser Denken und Handeln, lange bevor wir darüber nachdenken. Erfahrungen hinterlassen Spuren in unserem Gehirn. Viele davon wirken unbewusst oder vorbewusst. Gerade deshalb sind sie so entscheidend: Sie sind schon da, wenn der gute Vorsatz erst noch überlegt.
Je intensiver wir uns selbst mit einer Frage oder einem Thema auseinandersetzen, desto stärker können sich neue Sichtweisen und Überzeugungen verankern.
Und dann geschieht etwas, das man nicht mehr steuern muss: Sie entwickeln eine eigene Dynamik. Sie beeinflussen unser zukünftiges Denken und Handeln, ohne dass wir uns täglich neu dazu ermahnen müssten. Nicht der Vorsatz trägt – die verankerte Erfahrung trägt.
Erfahrung entsteht nicht durch Konsum. Sie entsteht, wenn wir uns einlassen:
Nicht überfliegen, sondern bleiben. Eine Frage so lange mit sich tragen, bis sie eine eigene wird.
Erfahrung wird nicht nur gedacht. Sie wird gespürt, bewegt, durchlebt – mit allem, was wir sind.
Emotionen sind kein Störgeräusch beim Nachdenken. Sie sind das, was eine Einsicht überhaupt verankert.
Abwägen, zustimmen, ablehnen. Was man selbst geprüft hat, bleibt – was man nur übernommen hat, verfliegt.
Der leider viel zu früh verstorbene Neuropsychologe Klaus Grawe hat es im Hinblick auf Psychotherapie einmal sehr pointiert formuliert: Eine wirksame Psychotherapie muss Veränderungen in den neuronalen Strukturen des Gehirns bewirken. Gewissermaßen an der „Hardware" etwas verändern.
Bleibt im Gehirn alles beim Alten, bleibt auch die Wirkung der Psychotherapie sehr begrenzt. Das ist ein wichtiges Prinzip moderner Psychosomatik – und der Grund, warum Behandlung bei uns Zeit, Erleben und Begleitung braucht statt guter Ratschläge.
Bleiben Sie mit Körper, Seele und Geist in Bewegung. Konsumieren Sie nicht einfach vor sich hin.
Deshalb möchte ich Ihnen in den kommenden Nachtgedanken nicht einfach nur Ratschläge geben. Vielmehr möchte ich Denkanstöße liefern: zum Nachdenken, zum Abwägen, zum Zustimmen – und ausdrücklich auch zum Widersprechen. Emotionen und Gefühle dürfen und sollen dabei ihren Platz haben.
Denn je nach Persönlichkeit, bisherigen Erfahrungen und eigenen Überzeugungen wird jeder von Ihnen zu seinen ganz eigenen Erkenntnissen kommen. Ich wünsche Ihnen viel Freude beim Mitdenken und Mitfühlen.