Ein Beitrag aus der Wollmarshöhe

Wissen ändert nichts

Ratschläge für ein gesundes Leben gibt es reichlich. Warum sie trotzdem nur die halbe Miete sind – und was uns wirklich verändert.

Dr. med. Kilian Mehl  ·  Klinikleitung
Der Anfang

Nur die halbe Miete

Ratschläge und Tipps für ein gesundes, gelingendes Leben sind wertvoll. Aber sie sind nur die halbe Miete.

Denn ein Ratschlag spricht zunächst vor allem den Verstand an. Er richtet sich an unsere vernunftbegabte Großhirnrinde – an den Teil von uns, der zustimmt, notiert, sich etwas vornimmt.

Doch so funktionieren wir Menschen einfach nicht. Fast jeder weiß, was ihm guttäte. Und fast jeder kennt den Abstand zwischen diesem Wissen und dem eigenen Alltag. Der Abstand ist kein Charakterfehler. Er ist ein Hinweis darauf, dass Einsicht allein an der falschen Stelle ansetzt.

Der Kern
Ratschläge erreichen den Verstand.
Verändern tut uns die Erfahrung.
Woher Veränderung kommt

Aus dem, was wir erlebt haben

Wirkliche Entscheidungen, tiefgreifende Einsichten und nachhaltige Verhaltensänderungen entstehen vor allem aus unseren Erfahrungen. Aus praktisch unserem gesamten Lebenserfahrungsschatz – erworben mit Körper, Seele und Geist.

Das prägt unser Denken und Handeln, lange bevor wir darüber nachdenken. Erfahrungen hinterlassen Spuren in unserem Gehirn. Viele davon wirken unbewusst oder vorbewusst. Gerade deshalb sind sie so entscheidend: Sie sind schon da, wenn der gute Vorsatz erst noch überlegt.

Erfahrungen hinterlassen Spuren. Viele wirken unbewusst – und gerade deshalb wirken sie.
Die Bedingung

Je intensiver, desto tiefer

Je intensiver wir uns selbst mit einer Frage oder einem Thema auseinandersetzen, desto stärker können sich neue Sichtweisen und Überzeugungen verankern.

Und dann geschieht etwas, das man nicht mehr steuern muss: Sie entwickeln eine eigene Dynamik. Sie beeinflussen unser zukünftiges Denken und Handeln, ohne dass wir uns täglich neu dazu ermahnen müssten. Nicht der Vorsatz trägt – die verankerte Erfahrung trägt.

Was es braucht

Vier Dinge, damit aus Wissen Erfahrung wird

Erfahrung entsteht nicht durch Konsum. Sie entsteht, wenn wir uns einlassen:

01

Sich auseinandersetzen

Nicht überfliegen, sondern bleiben. Eine Frage so lange mit sich tragen, bis sie eine eigene wird.

02

Körper, Seele und Geist

Erfahrung wird nicht nur gedacht. Sie wird gespürt, bewegt, durchlebt – mit allem, was wir sind.

03

Gefühle zulassen

Emotionen sind kein Störgeräusch beim Nachdenken. Sie sind das, was eine Einsicht überhaupt verankert.

04

Widersprechen dürfen

Abwägen, zustimmen, ablehnen. Was man selbst geprüft hat, bleibt – was man nur übernommen hat, verfliegt.

Der Beleg

Etwas an der Hardware verändern

Der leider viel zu früh verstorbene Neuropsychologe Klaus Grawe hat es im Hinblick auf Psychotherapie einmal sehr pointiert formuliert: Eine wirksame Psychotherapie muss Veränderungen in den neuronalen Strukturen des Gehirns bewirken. Gewissermaßen an der „Hardware" etwas verändern.

Bleibt im Gehirn alles beim Alten, bleibt auch die Wirkung der Psychotherapie sehr begrenzt. Das ist ein wichtiges Prinzip moderner Psychosomatik – und der Grund, warum Behandlung bei uns Zeit, Erleben und Begleitung braucht statt guter Ratschläge.

Bleibt im Gehirn alles beim Alten, bleibt auch die Wirkung sehr begrenzt.
Die Einladung

Warum ich Ihnen das erzähle

Bleiben Sie mit Körper, Seele und Geist in Bewegung. Konsumieren Sie nicht einfach vor sich hin.

Deshalb möchte ich Ihnen in den kommenden Nachtgedanken nicht einfach nur Ratschläge geben. Vielmehr möchte ich Denkanstöße liefern: zum Nachdenken, zum Abwägen, zum Zustimmen – und ausdrücklich auch zum Widersprechen. Emotionen und Gefühle dürfen und sollen dabei ihren Platz haben.

Denn je nach Persönlichkeit, bisherigen Erfahrungen und eigenen Überzeugungen wird jeder von Ihnen zu seinen ganz eigenen Erkenntnissen kommen. Ich wünsche Ihnen viel Freude beim Mitdenken und Mitfühlen.

Am Ende
Sie sind ein
Erfahrungsreaktor.

Dr. med. Kilian Mehl

Klinikleitung Wollmarshöhe

„Unsere Patienten sollen körperlich, seelisch und geistig gestärkt wieder auf eigenen Beinen stehen und autonom und selbstbestimmt ihr eigenes, gesundes Leben gestalten können. Diesen Prozess zu begleiten, das ist unser Auftrag, den wir Tag für Tag erfüllen."

Approbation Univ. zu Köln · Promotion Univ. Ulm · Lehrauftrag European Univ. Wien, Belgrad